Portrait
Katharina Heyer
Wenn es so etwas wie eine Walflüsterin gibt, dann ist das Katharina Heyer (70). Im Urlaub hatte die Schweizer Designerin eine Begegnung, die ihrem Leben Tiefe verlieh: Sie entdeckte bedrohte Wale und Delfine. Um diese zu schützen, gab sie sogar ihren alten Beruf auf.
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Der geschulte Blick gleitet über das Wasser und prüft die sich kräuselnden Wellen. Katharina Heyer steht an der Reling des obersten Decks ihres Bootes, sie trägt eine weiße Windjacke und hält ein Mikrofon in der Hand. Im Gegensatz zur 70-jährigen Schweizerin wirken die 35 Gäste an Bord ein bisschen orientierungslos, schauen suchend in alle Richtungen – gegenüber die marokkanische Küste, ringsum zahlreiche Frachter. Hier sollen also in den nächsten Minuten die Meeressäuger erscheinen? Das Schiff bewegt sich langsam weiter. Plötzlich ruft Heyer „Grindwale!“ und deutet nach rechts. Tatsächlich sind zwischen den vielen Wogen drei dunkle Rücken zu erkennen. „Und da hinten wieder Grindwale!“ Ein paar Minuten später verkündet sie eine weitere Sichtung: Heyer erkennt die Tiere mittlerweile schon von Weitem.
Kein Wunder, schließlich verbringt sie seit fast 15 Jahren die Hälfte des Jahres am Meer und versucht Menschen für das Leben der Wale zu sensibilisieren.
Das war nicht immer so. Anfang der 90er-Jahre stand sie nicht täglich auf einem Boot, sondern saß häufig im Flugzeug. Und sie war keine bekannte Tierschützerin und Walforscherin sondern Geschäftsfrau und Designerin. Zusammen mit ihrem Ex-Mann führte sie eine Firma, die Taschen und andere Accessoires für
Sportartikelanbieter herstellte. Zu ihren Kunden gehörten Weltkonzerne wie Puma oder L.A. Gear: „Ich war viel unterwegs, in Japan, China und Taiwan. Meine Produkte verkauften sich
global, der Beruf hat mir Freude gemacht.“ Schon damals leistete sie Pionier arbeit als eine der ersten Businessfrauen, die in Fernost unterwegs waren. Bis ihr Körper streikte. Sie litt unter Rückenschmerzen, jahrelang. Manchmal konnte sie sich nicht mehr bewegen, so weh tat ihr alles.
Es begann eine Odyssee, von Ärzten zu Heilpraktikern zu Chiropraktikern. Ohne Erfolg. Sie suchte weiter nach einer Therapie, die nicht nur Schmerzen bekämpft, sondern deren Ursachen. Dabei lernte sie den ehemaligen Schullehrer Ara kennen, der mittlerweile als spiritueller Coach arbeitet. In Gesprächen mit ihm erkannte sie: Manch mal liegt der Grund einer Krankheit in einem Leben, das nicht mehr zu einem passt. „Ich hatte eine Karriere, eine Ehe und habe zwei Kinder erzogen. Aber ich wusste immer, es gibt noch etwas zu tun für mich, das einen tieferen Sinn hat.“
Doch wie findet man heraus, wofür man bestimmt ist? Nenn es Zufall oder Schicksal, bei Katharina Heyer war beides im Spiel. Ihr „neues Leben“, erzählt sie, begann an Weihnachten vor 14 Jahren. In einem andalusischen Ferienhaus besuchte sie gute Bekannte. Kurz vor ihrer Abreise telefonierte sie noch einmal mit Ara und der gab ihr den Tipp: „Fahr doch nach Tarifa, dort leben Orcas.“ Mehr sagte er nicht. Dennoch stand sie deshalb eines Nachmittags an der Seestraße von Gibraltar, organisierte ein Tauchboot und fuhr hinaus – und tatsächlich sah sie Delfine. Und auf einmal war für Katharina Heyer die große Frage nach der Bestimmung, die Menschen in ihrer Lebensmitte oft beschäftigt, ganz einfach zu beantworten. Sie war angekommen. Schon nach der ersten Begegnung mit den Meerestieren war sie fasziniert von deren Lebensfreude. Sie wollte mehr erfahren und stellte Nachforschungen an und hörte von angeschwemmten Walen an der Küste. Zwei Monate später nahm sie zum ersten Mal an einer Konferenz für Meeresbiologie in Monaco teil. Vier Monate später gründete sie die Stiftung Firmm (Foundation for Information and Research on Marine Mammals). Denn die Tiere sind bedroht. Die 14 Kilometer breite Meerenge ist eine der meistbefahrenen Wasserstraßen der Welt, hier trifft das Mittelmeer auf den Atlantik. Jede Kiwi und jeder Apfel aus Neuseeland landen mit dem Handelsschiff in einem der andalusischen Häfen. Aus der Businessfrau wurde mit der Zeit eine Walforscherin. Sie entdeckte vor Gibraltar eine der größten Wal- und Delfinpopulationen der Welt.
Immer mehr verabschiedete sie sich aus ihrem alten Beruf und widmete sich der Stiftung. Sie sammelt Spendengelder, bietet Whalewatching für Touristen sowie Seminare und Volontariate für Schüler und Studenten an. Sie engagiert Biologen, die Daten an die Universität Basel senden, wo man die Informationen auswertet, um das Leben der Tiere zu erforschen.
2002 verkauft Katharina Heyer ihren Anteil an der Importfirma endgültig. „Aber ich bin keine verrückte Aussteigerin“, sagt sie. Plötzlich wirkt sie erschöpft. Sie hat viel Vermögen in
das Projekt gesteckt – auch sonst kostet sie das Engagement Kraft. Immer wieder ist sie gefordert, oft dachte sie sich, sie müsse aufgeben. Die Bewohner Tarifas sind nicht alle einverstanden mit den Aktivitäten der Schweizerin. Nicht jeder schätzt den Einsatz für die Umwelt. Das Leben von Walen ist für sie eher unbedeutend, wichtiger sind lukrative Häfen. Bis heute ist sie für die Spanier die Ausländerin. Deshalb führt sie einen ständigen Kampf mit den Behörden – mit häufigen Rückschlägen.
Doch es gibt auch gute Nachrichten. Viele Schulklassen interessieren sich für ihre Arbeit und besuchen ihre Seminare. „Und darum geht es mir: Die Menschen aufzuklären, dass die Tiere unsere Hilfe brauchen.“ Die Delfine nähern sich unserem
Boot, schwimmen unter ihm durch und dann ein paar Minuten mit den Bugwellen. Zur Überraschung aller sonnt sich etwa einen Kilometer entfernt ein Pottwal – sein massiger Körper liegt wie ein Urgestein im Meer. Beim Abtauchen winkt er dem Publikum mit seiner imposanten Schwanzflosse noch einmal zu. „Das ist wirklich ein Riesenglück“, sagt Katharina
Heyer. „Der zeigt sich nicht immer.“ Sie strahlt, sie freut sich mindestens so sehr wie die Passagiere über den eindrucksvollen Auftritt.



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